Evolution ohne Telos

Nietzsche beginnt seinen Aphorismus Falsche Schlüsse aus der Nützlichkeit mit der Bemerkung:

„Wenn man die höchste Nützlichkeit einer Sache bewiesen hat, so ist damit auch noch kein Schritt zur Erklärung ihres Ursprungs getan: das heißt, man kann mit der Nützlichkeit niemals die Notwendigkeit der Existenz verständlich machen. Aber gerade das umgekehrte Urteil hat bisher geherrscht – und bis in die Gebiete der strengsten Wissenschaft hinein.“ (Morgenröte, § 37)

Und viel zu oft herrscht es immer noch – auch gerade da, wo es am wenigsten gelten dürfte, in der evolutionären Biologie. Die Disziplin, deren moderne Begründung einst mit dem radikalen Zurückweisen jeglicher Teleologie anhob, dient populärwissenschaftlich zur ‚Erklärung‘ von heutigem (vermeintlichem) Sosein mit in imaginäre Vorzeit projizierten Um-Zu-Relationen. Dem Mann ist der Orientierungssinn gegeben, damit er sich auf der Jagt zurechtfinde. Diese Begründungsstruktur zieht sich dabei bis in die Wissenschaft im engeren Sinne fort, die allzuoft den Gedanken des von hinten getriebenen Prozesses der Evolution – wenn auch differenzierter und weniger plump – durch eben jene Um-Zu-Relationen ersetzt.

Nietzsche, Friedrich 1960: Morgenröte. Gedanken über die moralischen Vorurteile, München: Goldmann.

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