Raum als Sprache

Der Raum ist wie Sprache  – nicht strukturiert wie eine Sprache. Soll heißen, er verhält sich zur Bewegung wie die Sprache (langue)  zum Sprechen (parole). Mit dem Satz, dass Raum wie Sprache ist, soll nicht einem textualistischem Raumverständnis das Wort geredet werden, das festlegt, wie im Raum zu ‚lesen‘ ist. Es geht nicht darum, eine Wesenseigenschaft des Raums festzustellen. Der Satz beschreibt vielmehr die Analogie eines Verhältnisses. Hierbei können zwei Aspekte als fruchtbar hervorgehoben werden.

  1.  Sprache und Raum sind im strukturalistischen Sinne Ermöglichungsstrukturen. So wie die Sprache bei Saussure häufig missverstanden wird als das Gesagte determinierend, wird oft von einer positiven Festlegung von Bewegung und Verhalten durch den Raum ausgegangen. Sprache öffnet, folgt man Saussure, aber vielmehr einen Raum des Sagbaren. Dieser ist nicht als restriktiv von außen zu betrachten – so etwa als könne man etwas, das man denkt, nicht sagen –, sondern von innen als produktiv. Das Gesagte lässt sich nie aus der Sprache ‚ableiten‘. Die Sprache ist die Möglichkeit, in der wir leben. Der Raum wäre zu untersuchen auf seine ‚Grammatik der Ermöglichung‘.
  2. So wie aber der Poststrukturalismus eine dichotome Relationierung von Sprache und Sprechen hat zusammenstürzen lassen, so ist Raum der Bewegung und dem Verhalten nicht in strukturalistischer Verkürzung als unabhängig vorauszusetzen. Die poststrukturalistische Kritik an der Dichotomie von Sprache und Sprechen erlaubt einen Impuls der Raumsoziologie theoretisch solider zu fassen: die Ko-Konstitution von Raum und sozialer Praxis. Wirkt Raum einerseits auf soziale Praxis, ist er andererseits doch auch durch diese hervorgebracht. Ob als Iterabilität (Derrida) oder indirekte Rede (Deleuze/Guattari), ohne das konkrete Sprechen keine Sprache. Judith Butler hat besonders Derridas Gedanken bereits für die Materialität des Körpers fruchtbar gemacht. Das Potenzial der poststrukturalistischen Konzeptionierung von Sprache und Sprechen – jenseits eines Textualismus – für die Analyse von Raum und verkörperter Praxis auszuloten, steht noch aus.
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