tabula rasa

Die modernistische Architektur wird heute in ihren schlechtesten Eigenschaften von dekonstruktivistischer und deleuziansicher beerbt. In ihren gigantomanischen Ausprägungen stehen diese auf Kriegsfuß mit Demokratie und Menschenrechten. Daran erinnert heute eindrücklich die Kritik an der Erhebung von Zaha Hadids Heydar Aliyev centre in Aserbaidschan zum Design des Jahres durch das Londoner Design Museum. Dem Bau, so dokumentiert Human Rights Watch, war die nicht eben zimperliche Vertreibung der vorherigen AnwohnerInnen vorausgegangen. Ihre Häuser wurden dem Erdboden gleich gemacht, auf dass aus den Ruinen die schöne neue Architektur auferstehe. Diese wurde dann gleich noch von importierten ArbeiterInnen errichtet, die – ähnlich wie bei den Bauarbeiten für die WM 2022 in Katar bekannt wurde – unter miserablen Bedingungen arbeiten mussten.

Man kann dies als ein zufälliges Zusammenspiel abtun. Aber es ist vermutlich mehr als eine ironische Schicksalswendung, dass diese sich als revolutionäres Projekt stilisierende Architektur einen Hang zum Antidemokratischen hat. Scheut sich Hadids Chefdenker Patrick Schumacher nicht vor Deleuze und Guatari-Verweisen für den radikalen Schick in der theoretischen Fundierung, so wird vor Ort erst einmal tabula rasa gemacht und der Raum mit Abrissbirnen und Bulldozern „geglättet“. Was als Kampf gegen anti-demokratische Bürokratien inszeniert wird, ist in einem Zug auch der Kampf gegen demokratische Entscheidungsfindungen, in denen viele Partein mitzureden haben und in denen sich Megaprojekte, die diesen ArchitektInnen so am Herzen liegen und ihnen Erfüllung ihres Gestaltungstriebes zu sein scheinen, sich nicht ohne weiteres durchsetzen lassen. Hadids eigene Haltung zu den konkreten Bedingungen vor Ort würden vielleicht eher zu Hegel passen als zu Deleuze und anderen Gewährsmännern. Ihre offene Gleichgültigkeit und ihr bürokratisches Argument der Unzuständigkeit („It’s not my duty as an architect to look at it.“) lassen eine Haltung ahnen, nach der das großartige Resultat noch allem Schweiß und Blut im Prozess seiner Herstellung einen Sinn gibt.

Quellen:

http://www.theguardian.com/artanddesign/2014/jun/30/zaha-hadid-architecture

http://www.theguardian.com/world/2014/feb/25/zaha-hadid-qatar-world-cup-migrant-worker-deaths

Schumacher, Patrick 1998: Arbeit, Spiel und Anarchie, in: Herbert Lachmayer/Eleonora Louis (Hg.): WORK@CULTURE. Büro. Inszenierung von Arbeit, Klagenfurt: Ritter Verlag, S. 245–253.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.