„Satteln Sie die Hufe!“

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„Und Karl Marx behauptet einfach, die Religion sei Opium fürs Volk! Großartig, einfach Opium! Und der arme Vater hat noch nichs davon gemerkt! Denn wenn seine Migräne kommt, nützt eine schäbige Demalgon-Tablette mehr als zehn Opium-Gebete.“ – György Dalos, Der Gottsucher

Wo zu suchen ist

In der Hart aber Fair-Sendung vom 21.10.2013 widmet sich Frank Plasberg unter dem Label „Flüchtlinge“ unter anderem der Haltung der Deutschen gegenüber ZuwandererInnen aus Osteuropa. Auf die Äußerung des Wunsches durch Lucy Diakovska als Bulgarin nicht automatisch in einen Topf mit Kriminellen geworfen zu werden, erwidert der Präsident der deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt:

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„Der Begriff der Materie ist im Kontext der materialistischen Theorie offener Erfahrung kein metaphysisches Prinzip, sondern nur die vorläufige Bezeichnung alles noch nicht Erkannten, Nichtidentischen.“

(Günter Mensching 1970: Thesen und Materialien
zu Hegels Verständnis des Materialismus)

Weg und Ziel

Motto einer antifundamentistischen Soziologie müsste der (freilich abgedroschene) Spruch sein: Der Weg ist das Ziel. In ihr kann jede soziologische Aussage selbst wieder Gegenstand soziologischer Untersuchung werden. Die Soziologie liegt nicht außerhalb ‚ihres‘ gegenständlichen Sozialen. In diesem Sinne, führt die Soziologie nirgendwo hin. Ihr Ziel kann es nicht sein, zu einem aus sich heraus bedeutendem Punkt zu kommen. Vielmehr ist sie eine Verschiebung – eine Reise –; in ihr kommt man vom einen zum anderen. Aber auch diese Verschiebung kann nicht aus sich heraus Wert beanspruchen. Erfrischendes und Ermüdendes der soziologischen Interventionen berühren sich hier in einem Punkt. Einerseits kann die Perspektivverschiebung neue Bezüge in den Blick rücken und so den Weg für neue Handlungsweisen freikratzen. Andererseits ist manchmal die Perspektivverschiebung schlicht ein Themenwechsel und eine überhebliche Art der Weigerung, sich mit der Frage der Gesprächspartnerin auseinanderzusetzen, nach der Art wie einst der molussische Professor auf die Frage der Studentin, was für Bedeutung die Neurowissenschaften für die Soziologie hätten, antwortete: Die Soziologie kann höchstens Neurowissenschaftler soziologisch beobachten.

Kleine Dialektik des Spiels

Das Spiel ist zugleich widerständige Praxis gegen den Kapitalismus als auch dessen miniatisierte reine Form. Widerständig, weil in seinem Selbstzweck es sich dem Imperativ der unmittelbaren Verwertbarkeit widersetzt. In seiner Imagination anderer Welten, die einer anderen Logik folgen – egal wie abstrakt diese sein mag – grenzt es ans Utopische. Zugleich aber liegt genau in diesem Einlassen auf die selbstzweckhafte Logik des Spiels das Wesen des Kapitalismus in Kleinform vor: das automatische Subjekt. Wie die Menschen durch dieses zur Anhängseln eines als natur- und schiksalhaft erfahrenen Laufs der Welt werden, der seinen Grund allein in sich selbst findet, ebenso verabsolutiert sich die doxa routinisierter Alltagspraktiken im Spiel zur reinen illusio, die sich auch nicht durch das volle Bewusstsein der Willkürlichkeit der so gesetzten Ordnung mehr beunruhigen lässt. Ist es beliebt, Monopoly dafür zu kritisieren, dass es Kinder auf die Logik des Kapitals abrichtet, wäre doch trefflicher zu kritisieren, dass es das Einlassen auf eine beliebige Logik, gar die Indentifikation mit ihr, einübt. Das Spiel lehrt die Frage nach dem Sinn des Ganzen nicht zu stellen.

Cigale & Fourmilière

Der Kern der Philosophie Jacques Rancières scheint sich mit vier Textzeilen der Band La Rue Ketanou wiedergeben zu lassen:

Y a des cigalles dans la fourmilière
Et vous ne pouvez rien y faire
Y a des ciagalles dans la fourmilière
Et c’est pour ça que j’espère

La Fontaine hat mit seiner Parabel von schöngeistiger Grille und arbeitssamer Ameise den Widerstreit von freiem Geist und realistischer Pragmatik in der üblichen Tiermetaphorik zu verschiedenen Spezies naturalisiert. Rancières Kritik der Hypostasierung zweier Menschentypen drängt sich auf, wenn La Rue Ketanou nicht lediglich die Unterscheidung La Fontaines übernehmen, sondern sie gegen ihn wenden. So wie Rancière Arbeiter beim Schreiben von Gedichten zeigt – und zwar nicht von Arbeitergedichten –, besingen La Rue Ketanou die Grille in der Ameise. Weiterlesen

J. L. Austin

In Wittgenstein’s Vienna schreiben Allan Janik und Stephen Toulmin über J. L. Austin im Vergleich zu Wittgenstein:

„At Oxford, meanwhile, similar-looking techniques were being employed with the greatest skill, but without any deeper, or clearly philosophical purpose. It was like changing a real clock for a child’s clock-face – which looks just the same at first sight, but does not tell time.“

Überwachung und Souveränität

1. Man darf nicht der Rationalitätsfiktion der Überwachung glauben. Immer wieder werden die Wunder der Technik beschrieben, nach denen vermeintlich schon jede unser Regungen nicht nur erfasst werden kann, sondern gar vorausgesagt. Dies übersieht, wie schlecht die Technik tatsächlich funktioniert. Dietmar Kammerer weist in Bilder der Überwachung darauf hin, wie wenig Videoüberwachung das leistet, wofür sie gedacht ist. Und wer in den ‚Genuss‘ personalisierter Werbung gekommen ist, weiß, dass das Angebotene nur selten, bestimmt aber nicht aufs genauste, den eigenen Wünschen oder Bedürfnissen entspricht. Weiterlesen

Urteil und Verstehen

Das Urteil über den Text ist der Anfang der Auseinandersetzung mit ihm, nicht, wie Hermeneutiker es oft meinen, deren Ende. Das Urteil bringt eine Distanz zwischen den Text und den Leser, die es überhaupt erst ermöglicht, den Text als Text zu sehen und nicht in seiner Doxa vollends aufzugehen. Wenn die Hermeneutik diese Urteilen nicht will, will sie religiös lesen. Letztlich hebt sie sich damit aber selbst vorsorglich auf: Ziel ist dann die Identität mit dem Text, nicht mehr das Verstehen.

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